Max Bense (1910-1990)
Als existentieller Rationalist hat Bense sein Philosophieren mit der Mathematik, der Semiotik und der Ästhetik verbunden. Dabei bildet im Sinne von Descartes für ihn das kompetente Ich mit seiner Fähigkeit zum Zweifeln und Erkennen --wie im 1951 veröffentlichten "Manifest des existentiellen Rationalismus" erstmals dargelegt-- das entscheidende Kriterium für Reflexionsprozesse. Favorisiert wird ein Denken, das sich jedoch nicht selbstbezüglich anarchistisch wie bei Stirner und auch nicht negativ dialektisch wie bei Adorno behauptet, sondern offen für die Technologien der Moderne ist und sich zum Paradox (der "Destruktion des Geistes durch den Zweifel" und der "Destruktion der Existenz durch den Beweis") bekennt. Mit diesem Verständnis versucht Bense, seine ethischen Vorstellungen zur technischen Zivilisation als eine rationale Vollendung des zivilisatorischen Prozesses zu begründen. Darunter ist vorallem eine programmierte Welterzeugung zu verstehen, die Dinge planvoll und kreativ hervorbringt.
  Seine Vorstellungen zur Ästhetik gehen von einem streng semiotischen Regel- verständnis aus, wenn er die in Kunstwerken vorliegenden Ordnungsbeziehungen messtechnisch zu erfassen und algorithmisch zu bewerten versucht. So u.a. durch die statistischen Anteile von Hell- und Dunkelwerten in der bildenden Kunst oder durch strukturelle Häufigkeitsverteilungen von Wörtern in der Literatur. Obwohl Bense mit diesem Ansatz nie befriedigende Ergebnisse erreichte, ist es ihm doch gelungen, mit seiner Informations- Ästhetik formale Strukturen zu erzeugen, die durch ihre Innovation überzeugen.
  Mit 16 Jahren schreibt Bense bereits neben literarischen Arbeiten philosophische Abhandlungen. Sein erstes Buch "Raum und Ich", das noch stark von Max Schelers Anthropologie beeinflusst ist, veröffentlicht er erst 1934 nach seiner Studentenzeit in Bonn, wo er Vorlesungen zur Mathematik, Physik, Geologie und Philosophie besucht. In dem programmatischen Aufsatz "Aufstand des Geistes" setzt er ein Jahr später Nietzsches Willen zur Macht einen Willen des Geistes entgegen. 1937 greift er Klages "Geist als Widersacher der Seele" vehement in einem Artikel an und promoviert in Bonn mit der Arbeit "Quantenmechanik und Daseinsrelativität". Danach bekommt er eine Anstellung als Physiker bei der I.G. Bayer in Leverkusen. Im Krieg arbeitet er nach einer kurzen Dienstzeit als Meteorologe in einem medizin- technischen Labor. In dieser Zeit werden Descartes und Kierkegaard wichtige Vorbilder für ihn. 1945 wird er für einige Monate Bürgermeister in Georgenthal und dann Kuraktor der Universität Jena. Hier kann er sich endlich habilitieren und Vorlesungen abhalten. Nach drei Jahren reist er jedoch mit seiner Familie nach Westdeutschland, wo er unterbrochen von vielen Vortragsreisen bis zu seiner Emeritierung 1978 an der Technischen Hochschule, später Universität Stuttgart lehrt. Neben seiner Zeitschrift "augenblick", die zum Forum für experimentelle Texte wird, betreut und regt er in dieser Zeit zahlreiche weitere Periodika- und Buchreihen an. 1965 veröffentlicht er sein Buch "Ungehorsam der Ideen", in dem er sich wie auch bald in öffentlichen Reden für einen zivilen Ungehorsam im Sinne von Thoreau ausspricht und zu einer ausser- parlamentarischen Opposition aufruft. Typischer sind für ihn aber in dieser Zeit Abhandlungen und Bücher, die er in Bezug auf die triadische Zeichentheorie von Peirce mit dem Ziel schreibt, die Semiotik zu einer interdisziplinären "exakten Ästhetik" weiterzuentwickeln. Dabei wird er zu einem wichtigen Theoretiker der konkreten Poesie und Kunst. 1969 veröffentlicht er seine "Einführung in die informationstheoretische Ästhetik" und seine "kleine abstrakte ästhetik", um seine Idee von einer mathematisch orientierte "Informationsästhetik" zu erläutern. Sein Manuskript "Die Eigenrealität der Zeichen" wird 1992 postum herausgegeben.