Jean Baudrillard (1929-2007)
Gegen das Reale postuliert seit den späten 70er Jahren Baudrillard seinen Begriff des Simulacrum und unterstellt damit das Verschwinden wirklicher Referenzen. Nach dem Scheitern der grossen Meta- Erzählungen --wie vorallem bei Lyotard diagnostiziert-- tritt an die Stelle der Wirklichkeit seine Vorstellung von einer reinen Fiktion, die sich in einer künstlich Hyperrealität zweiter und dritter Ordnung reproduziert. Während er sich anfangs noch für ein subversives Verführen oder in seinem 1976 veröffentlichten Buch "Der symbolische Tausch und der Tod" für ein Unterminieren der Wertgesetze ausspricht, d.h. für eine universale Subversion, die nicht dem Äquivalenzprinzip des Kapitals verpflichtet ist, folgen seine späteren Texte einer zumeist eschatologisch diagnostizierten Welt bis ins Delirium. In einer zunehmenden Selbst- Überbietung ("The Gulf War did not take place", "Das Jahr 2000 findet nicht statt") geht dabei immer mehr der Bezug zu realen gesellschaftlichen Bereichen verloren (da ein Zeichen nur noch etwas gilt, wenn es sich wie bei dem Twin Tower in New York verdoppelt und bloss auf sich verweist).
  So wird Macht nicht mehr wie bei Foucault konkret verortet, sondern mutiert in eine referenzlose, reine Welt der Simulation. Für den postmodernen Agnostiker Baudrillard existieren ökonomische Gesetze nur noch in den Strukturen eines arbiträren Sprach- Codes, um ihr Regelwerk widerzuspiegeln. Wo das Imaginäre alles Reale aufsaugt, lässt er sogar die Macht --bei Virilio ist es das Politische-- implodieren. Unter diesem Gesichtspunkt kann ein Simulationsmodell einzig noch Zeichenwelten, die selbstbezüglich untereinander interagieren, beschreiben und ein Aussen allein halluzinieren.
  Nach einem Studium in den Fächern Germanistik und Soziologie arbeitet Baudrillard bis 1966 als Gymnasiallehrer. Danach übernimmt er eine Assistenten- Stelle an der Universität Paris- Nanterre und promoviert bei Henri Lefebvre mit der Arbeit "System der Dinge - Système des Objets". Fast 20 Jahre lehrt er hier als Professor für Soziologie, bevor er sich unter dem Druck der Institutionen 1987 mit "Das andere Selbst" an der Sorbonne habilitiert. Noch im selben Jahr wechselt er in die wissenschaftliche Leitung des IRIS ("Institut de Recherche et d'information Socio-économique") an der Universität in Paris- Dauphine. 1990 zieht er sich aus dem akademischen Betrieb zurück.