Georges Bataille (1897-1962)
Als Philosoph und Schriftsteller fühlt sich Bataille einer kategorischen Denkfigur verpflichtet: der Verschwendung. Dabei geht es ihm um die kollektive wie individuelle Situation einer ekstatischen Grenzerfahrung, die er mit der These von einer Anti- Ökonomie umschreibt. In seinem 1949 veröffentlichten Buch "La part maudite. Essai d'économie général. - Der verfemte Teil" ergänzt er das Verhältnis von Produktion, Reproduktion und Konsumtion durch den Aspekt der unproduktiven Verausgabung. Dahinter steht der simple Grundgedanke, dass bisher alle intakten Gesellschaften sich dadurch erhalten konnten, indem sie das Mass der Selbsterhaltung periodisch durchbrachen und ihre produzierten Überschüsse in festlicher oder ritueller Form (und besonders mit Kriegen) verschwendet haben. Mit dieser Einsicht stellt sich für Bataille jede bisherige Ökonomie dezentriert dar, da sie erst von einem über sie hinausweisenden Kreislauf, einer kosmischen Energie ermöglich wird. Insofern ist für ihn Energie im ganzen gesehen immer überschüssig und das Wachstum hingegen begrenzt.
  Die gewaltigsten Manifestationen einer sich gegen das rein Nützliche richtenden Verschwendung sieht Bataille in der Sexualität und im Tod, da hier die Zweckrationalität der Arbeit unterbrochen wird. Beschränkungen dienten zwar in diesem Bereich dem Erhalt der gesellschaftlichen Produktion, beschneiden aber den Menschen in seiner existentiellen Grunderfahrung, also in seiner Souveränität. Dieser Vorwurf richtet sich vorallem gegen Hegels Phänomenologie, bei der die Vernunft nur durch die restlose Verdinglichung des Bewusstseins, also unter Verzicht ermöglicht wird. Und auch gegen Marx, wenn dieser die Unabhängigkeit der Dinge und die Unabhängigkeit der Ökonomie von affektiven Beziehungen behauptet. Für Bataille können Grunderfahrungen wie die Sexualität und das Sterben mit keiner Strategie des Denkens und Handelns bewältigt werden. Sie sind nur dem animalischen Trieb oder als Sakrileg zugänglich.
  In der erotischen Ekstase, die sich mit dem Tabu und seiner Überschreitung erst ergibt, kann der Mensch nach Bataille verstärkt die Transzendierung seines Ich erleben. Eine solche körperliche Erfahrung führt zur überschreitenden Entäusserung (Selbst- Aussetzung) und --wie ebenso bei Klossowski und Artaud-- auch zur Selbstauflösung, in der das Individuum sich als Durchgangspunkt begreifen und die Grenzen der eigenen Person spüren kann.
  Bataille wächst als Sohn reicher Bauern in der Auvergne auf. Er besucht ab 1917 die "Ecole des Chartes" in Paris und arbeitet nach seiner Ausbildung zum Bibliothekar sein Leben lang (bis auf eine kurze Unterbrechung wegen einer schweren Lungenkrankheit) in der Bibliothèque nationale de France. Mit Carl Einstein und Michel Leiris gibt er im Umfeld der Surrealisten die 1929 gegründete Zeitschrift "Document" heraus. Ein Jahr zuvor hat er unter Pseudonym eine erste erotisch obszöne Erzählung veröffentlicht. In den 30er Jahren hört er Kojèves Hegel- Vorlesungen und ist an einigen weiteren Zeitschriften- Projekten beteiligt. 1935 schliesst er sich der antifaschistischen Intellektuellen-Gruppe "Contre-Attaque" an und wird ein Jahr später Mitbegründer des Collège de Sociologie. 1943 wird sein Buch "L'Espérience intérieure - Die innere Erfahrung" herausgegeben. Sartre nennt ihn daraufhin den "neuen Mystiker". Seit 1946 gehört er der Redaktion der noch heute existierende Zeitschrift "Critique" an.