Roland Barthes (1915-1980)
Mit dem strukturalistischen Zeichenmodell von Saussure versucht Roland Barthes, eine apologetische Literatur und Wissenschaft, in denen ästhetischen Wertkategorien "mythologisch" verdeckt werden, zu entzaubern. In seinen kritischen, am marxschen Denken geschulten Zeit- Analysen entdeckt er in der Mode, Literatur und Fotografie eine Metasprache, die reale Bedeutungen mit Mythen verdeckt und überformt. D.h. eine zweite kommunikative Schicht (écriture), welche als eine nicht mitteilbare Beziehung fälschlich als natürlich empfunden wird, transformiert die bürgerliche Kultur in eine universelle Natur. Die Erinnerung an die eigentlichen Objekte, ihr Produziertsein kann damit unterschlagen werden.
  Bereits in seinem 1953 veröffentlichten Buch "Am Nullpunkt der Literatur" hat sich Roland Barthes polemisch gegen den Mythos- und Machtcharakter der Sprache gewandt. In Analogie zu Sartres Vorstellung von der Freiheit proklamiert er hier die Utopie einer von Bedeutung freigesetzten Signifikanten. Diese Vision wird in seinem 1970, nach einer Reise durch Japan erscheinenden Band "Im Reich der Zeichen - L'emire des signes" durch die Idee leerer Signifikanten weiterentwickelt.
  In einem flexiblen Strukturalismus sieht Barthes die Möglichkeit, aus den Überformungen der Alltags- Mythen einen Sinn zu rekonstruieren und das Regelwerk von Wahrheiten zu verstehen. Die Befreiung des Signifikanten vom Referentiellen wird als Grundlage für eine intertextuelle Sprache gesehen, mit der man Reibung wie Widerspruch erzeugen und selbst die gesellschaftliche Ordnung verändern soll. Da aber dem Interpreten zumeist für eine eigene Deutung zu wenig Freiraum bleibt, betont Barthes wie Umberto Eco zunehmend die aktive Rolle des Rezipienten. Er soll nicht nur Konsument, sondern Produzent eines Textes sein. In seinem 1968 erscheinenden Essay "La mort de l'auteur" radikalisiert er seine semiologischen Untersuchungen zugunsten einer offenen und mehrdeutigen Text- Interpretation. Der Einfluss von Derrida und seiner einstigen Schülerin Julia Kristeva, die in seinem Seminar Vorträge über Bachtin hielt, wird deutlich. Durch seine Studien zur Oberflächenstruktur schafft Barthes wichtige theoretische Grundlagen für den Nouveau roman, dessen exponiertesten Vertreter Alain Robbe-Grillet und Nathalie Sarraute sich immerhin auch bewusst auf ihn beziehen.
  Als Barthes sich zunehmend vom Strukturalismus und aus "Tel Quels" Textualitäts- Dogma löst, bestimmt er den Bereich der écriture mehr in Bezug auf die Körperlichkeit auch phonotextuell. Er entdeckt u.a. das Ohr als Ort der Lust. In seinem letzten, 1980 herausgegebenen Buch "Die helle Kammer - La chambre claire" wird die Leere, die mit der Auflösung des Subjekts rsp. des Autors entsteht, mit der Moderne an sich assoziiert und eine Ausdrucksform gewählt, die sich jeder Codierung verweigert. D.h. aus dem Sprachsystem ausbricht, wenn beispielsweise ein nicht arrangiertes, unwiederbringliches Amateurfoto in den Mittelpunkt der Darstellung rückt.
  Nach einem Philologiestudium an der Sorbonne muss Roland Barthes wegen einem Tuberkuloseleiden zunächst auf eine akademische Karriere verzichten. Während zahlreicher Sanatoriumsaufenthalte beschäftigt er sich intensiv mit Marx und den Schriften des Historikers Jules Michelet. Seine ersten literaturkritischen Artikel entstehen für die linke Tageszeitung "Combat" und werden 1953 im Sammelband "Am Nullpunkt der Literatur - Le degré zéro de l'écriture " veröffentlicht. Ab 1948 arbeitet er für das Institut Français als Lektor, Redakteur und Lehrer in Bukarest sowie Alexandria. Als Ergebnis seiner Studien am Pariser "Centre National de la Recherche Scientifique" entstehen seine 1957 publizierten "Untersuchung zu den Mythen des Alltags - Mythologies", in denen er als listiger Ideologiekritiker gesellschaftliche Phänomene zu erklären versucht. 1962 wird Barthes Leiter der "École Pratique des Hautes Études" und löst ein Jahr später mit seiner strukturalistischen Analyse "Sur Racine" eine akademische Debatte aus. In der Folgzeit veröffentlicht er zahlreiche Untersuchungen zur Semiologie wie "Elemente der Semiologie Eléments de sémiologie " und zur Alltagskultur wie "Kritik und Wahrheit - Critique et vérité", "Die Sprache der Mode - Système de la mode". 1975 erscheint seine Autobiographie "Roland Barthes par Roland Barthes - Ich über mich selbst", in der er sich wie eine Romanperson selbst beobachtet und mit einer metatextuellen Strukturanalyse seine eigenen Schriften zu periodisieren versucht. Als er 1977 zum Professor für Semiologie am Collège de France ernannt wird, stellen sich trotz seiner akademischen und öffentlichen Erfolge erste Anzeichen einer melancholischen Resignation ein. Die Besucher seiner Vorlesungen sind oft enttäuscht. Bevor Barthes seinen Plan, einen Roman zu schreiben, verwirklichen kann, verunglückt er bei einem Autounfall in Paris tödlich.