| Rudolf Bahro (1935-1997) |
| Mit seiner Kritik am real existierenden Sozialismus versucht Bahro in der DDR, eine
Blochsche Utopie des Kommunismus zu behaupten. Seine Vorstellungen
gehen von einer breiten gesellschaftlichen, also nicht mehr auf die Arbeiterklasse allein bezogenen Emanzipation
aus, mit der unter dem Primat einer "einfachen Reproduktion" und einer Neubestimmung der Lebensbedürfnisse
eine "Harmonisierung der Produktion" erreicht werden soll. Konkret verordnet Bahro damit der Gesellschaft im
Sinne einer naiven Weiterentwicklung der
Marxschen Theorie eine umfassende Revolution der Subjektivität.
Sein Ziel ist es, mit einem "überschiessenden Bewusstsein" --wie es ähnlich
Marcuse anstrebt-- zu einer progressiven Reduzierung der gesellschaftlich
notwendigen Arbeitszeit und zu einer möglichst "freien Assoziation der Produzenten" zu kommen.
Nach seiner Ausreise in die Bundesrepublik wird Bahro zu einem Fundamental- Ökologen. In seiner 1989 veröffentlichten "Logik der Rettung" gibt es nur noch die Wahl zwischen einem Selbstmord der Menschheit oder einer geistigen Neugeburt. Soziale und ökonomische Themen werden zunehmend ausgeblendet und durch eine Ursprungs- Mythologie ersetzt. In diesem Zusammenhang bewundert Bahro auch die "Vitalität" und "spirituelle Energie" der NS-Bewegung. Da die demokratische Gesellschaft mit ihren verschiedenen Einzelinteressen für ihn nicht mehr aus einer egoistischen Selbsterhaltung und Anthropozentrik hinausfinden kann, soll eine aristokratische Form der Regierung --ein "House of the Lord"-- dem sozialen Interessenkampf Mass und Grenzen setzen. Während seiner Arbeit als Abteilungsleiter für "wissenschaftliche Arbeitsorganisation" in einem Berliner Gummikombinat schreibt Bahro seine "Alternative. Zur Kritik des real existierenden Sozialismus". Das Buch erscheint 1977 in einem westdeutschen Verlag, nachdem ein Freund das Manuskript --wahrscheinlich mit Duldung der Stasi-- über die Grenze geschmuggelt hat. In den Medien, besonders im Spiegel, wird die Veröffentlichung als ein politisches Ereignis gefeiert und somit gründlich missverstanden. Denn Bahro will ein "ökonomisch- philosophisches Grundsatzwerk" vorlegen, während in der Öffentlichkeit nur die Abrechnung mit dem DDR- Staat gesehen wird. Nach einer zweijährigen Gefängnisstrafe --verurteilt wurde er zu acht Jahren-- reist Bahro in die Bundesrepublik und wird Gründungs- Mitglied der Grünen. Sein Wunsch: eine Integrationsfigur der Linken zu werden, geht nicht in Erfüllung. Nach einem mehrmonatigen Aufenthalt bei Bhagwan in den USA beschäftigt er sich mit spirituellen und esoterischen Lebensauffassungen. Nach der deutschen Wiedervereinigung kehrt er nach Berlin zurück, um an der Humboldt- Universität ein "Institut für Sozialökologie" aufzubauen. |