| Gaston Bachelard (1884-1962) |
| Neue Erkenntnisse in der Wissenschaft können sich für Bachelard nicht kontinuierlich
etablieren, sondern müssen sich erst gegen "epistemologische Hindernisse", gegen ein etabliertes Wissen durchsetzen.
Damit wird die Vorstellung von
Descartes zurückgewiesen, dass alltägliche Erfahrungen bruchlos
in einen höheren Erkenntnisstand eingehen, und bereits
Kuhns These vom Paradigmenwechsel vorweggenommen. Mit seiner umfassenden Analyse
zu naturwissenschaftlichen Begriffen --insbesondere zum Masse- und Energiebegriff-- zeigt Bachelard, wie festgefahrene
Vorstellungen ein umfassenderes Denken behindern. Einen Ausweg sieht er in einer kritischen "Philosophie des Nein", die
sich gegen einen metaphysischen Dogmatismus ausspricht und die Grundlagen der Wissenschaft mit hinterfragt. Denn
letztendlich habe die Vernunft der Wissenschaft und nicht die Wissenschaft einem Vernunft- Ideal zu folgen.
Da für Bachelard all unser Wissen nur eine metaphorische Geltung beanspruchen kann, bemüht er sich um ein neues Verständnis des wissenschaftlichen Geistes. Mit der Psychoanalyse versucht er, die wissenschaftliche Methodik, die für ihn auch Verwirrung und Irrtum als konstitutive Elemente einschliesst, von der Seite der Akteure als menschliche Erfahrung zu thematisieren. Weil die Geschichte der Naturwissenschaft zeige, dass Objekte weniger durch rein empirische Vorgaben, als vielmehr durch die spezifischen Strukturen von Kategorien, Begriffen oder Deduktionen bestimmt werden, favorisiert er eine Wissenschaft des widersprüchlichen Geschehens, die aber nicht wie bei Hegel mit der Dialektik eine Versöhnung von Gegensätzen anstrebt. Obwohl sich Bachlard in seiner 1957 veröffentlichten Arbeit "La poétique de l’espace -Die Poetik des Raums", in der er sich konkret mit der dichterischen Einbildungskraft beschäftigt, zu ähnlichen Erkenntnissen kommt, trennt er strikt zwischen einem verstandesgeleitet naturwissenschaftlichen und einem intuitiv poetischen Denken. Ersteres ist für ihn mehr durch das Faktische beschränkt und letzteres durch Traumerinnerungen und Symbole geprägt. Bachelard, der vor seiner akademischen Laufbahn ein einfacher Postbeamter war, hat sich seine Kenntnisse zur Naturwissenschaft und Mathematik autodidaktisch angeeignet. Nach dem ersten Weltkrieg arbeitet er als Lehrer für Physik und Chemie in seiner Heimatstadt Bar-sur-Aube in der südlichen Champagne. 1920 besteht er das Staatsexamen für Philosophie und promoviert sieben Jahre später. Von 1930 bis 1940 lehrt er an der Universität Dijon und bis 1954 als Professor für Geschichte und Philosophie der Naturwissenschaften an der Pariser Sorbonne. Mit seinen Arbeiten zur Epistemologie und Wissenschaftsgeschichte sowie -soziologie hat Bachelard in Frankreich besonders Foucault, Althusser, Barthes und auch Merleau-Ponty stark beeinflusst. Mit seinen poetiologischen Untersuchungen wurde er zu einem Wegbereiter einer neuen, nicht mehr positivistisch orientierten Literaturkritik. |