| Günther Anders - Stern (1902-1992) |
| Ausgehend von einer zunehmende Diskrepanz oder "Asynchronisiertheit" zwischen dem Menschen
und den Potentialen seiner Produkte entwickelt Günther Anders eine negative Anthropologie, die er ohne fundierte
begrifflich- analytische Darstellung als "Übertreibungen in Richtung Wahrheit" gegen das
Blochsche Prinzip der Hoffnung behauptet. Da die Eigendynamik einer auf
Bedürfnis- Befriedigung ausgerichteten Technik für ihn nötige Bedürfnisse weit übersteigt,
drohe mit der dritten industriellen Revolution der überforderte und damit zunehmend antiquiert erscheinende Mensch
hinter seinen technischen Triumphen zu verschwinden.
Wie Baudrillard sieht Anders in der Medienkultur ein Substitut der Welt, bei der die Wirklichkeit nur noch als Phantom oder Pseudo- Abbild erscheint. Als erstes Opfer dieser Entwicklung geht für ihn die Urteilskraft verloren, weil nicht mehr zwischen dem medialen Schein und der Wirklichkeit unterschieden werden kann. Mit solchen Einschätzungen, die freilich von Adorno und Horkheimer stark inspiriert sind, kommt er u.a. zu der Schlussfolgerung, dass mit dem Fernsehen ein neuer Menschentyp entsteht. Ein Typ, mit dem (wie später auch bei Friedrich Kittler behauptet) die Überwindung des Menschen als Subjekt der Geschichte eingeleitet werde. Mit seiner Kritik an Heideggers Existenzialontologie bemüht sich Anders, seinem einstigen Lehrer neben seinen politischen Verfehlungen in der Nazizeit auch ein anthropologisches Defizit nachzuweisen. Dabei wird das Verhältnis von Theorie und Praxis zum Angelpunkt seiner Polemik und zum überzogenen Vorwurf, wenn er eine Konkretheit des Daseins (wie etwa den profanen Zahnschmerz) einfordert oder wenn er nur in der Philosophie der Eigentlichkeit das radikal vereinzelte und kleinbürgerliche Individuum sieht. Anders, der in einer säkularisierten jüdischen Familie in Breslau aufwächst, beginnt 1921 Kunstgeschichte, Philosophie und Psychologie bei seinem Vater William Stern zu studieren. Ein Jahr darauf wechselt er an die Uni nach Freiburg zu Husserl und Heidegger. Nach seiner Promotion lebt er in Berlin, wird mit Benjamin, Brecht, Eisler, Grosz, Heartfield, Döblin bekannt und heiratet Hannah Arendt, um sich bald wieder von ihr zu trennen. Er entscheidet sich gegen eine akademische Laufbahn und wird als freier Publizist ein polemischer Gegner der faschistischen Ideologie. 1933 emigriert er nach Paris, 1936 in die USA, wo er zunächst an die Ostküste, später in Los Angeles und Hollywood lebt. Hier lernt er als Fabrikarbeiter die Fliessbandarbeit kennen. In den 50er Jahren kehrt er nach Europa zurück und schreibt den ersten Band der "Antiquiertheit des Menschen". Er engagiert sich in der Ostermarsch- Bewegung und wird zu einem Gegner des Vietnam- Krieges. Da er aber in erster Linie von Problemen der Technokratie und nicht der politischen Systeme ausgeht, bleiben seine Proteste in der Zeit der 68er- Studentenbewegung umstritten. |