| Louis Althusser (1918-1990) |
| Mit seiner strukturalistischen Interpretation (dem sogenannten linguistic turn) vollzieht
Althusser einen Bruch mit dem orthodoxen Marxismus. Um eine eigene Logik bei sozialen und kulturellen Phänomenen
und damit eine relative Unabhängigkeit des gesellschaftlichen Überbaus von den Basis- Strukturen zu behaupten,
ersetzt er in Bezug auf
Gramscis Hegemonietheorie (in seinem 1969 publizierten Artikel "Ideologie
und Ideologische Staatsapparate") das aus der klassischen Philosophie überkommene Subjekt- Objekt- Schema
durch ein diskursanalytisches Paradigma.
Ideologie wird nicht mehr wie bei Marx primär als Repräsentation des Verhältnisses zu den wirklichen Lebensbedingungen verstanden, sondern zu einem imaginären Verhältnis der Individuen, zu einer metaphorischen Überbau- Basis, mit der sie sich ihre Wirklichkeit erst in einer sinngebenden Praxis aneignen. Die Ideologie hört deshalb auf, eine allein repressive, verkehrte und illusionäre Darstellung der Produktions- Verhältnisse zu sein und wird als abstraktes allgemeines movens unmissverständlich zum neuen Subjekt der Geschichte aufgewertet. Damit tragen die politischen und ideologischen Mächte bei Althusser --materialisiert als Staatsapparat, Justiz- und vorallem Bildungssystem sowie Parteien-- die gesellschaftliche Entwicklung in einer systematischen Bedingtheit (und nicht mehr in hegelscher Manier mit dem Telos ihrer Versöhnung). Während die Ökonomie als eine Instanz verstanden wird, welche die gesellschaftlichen Verhältnisse nur noch spiegelt. In den Vordergrund rückt das Wesen einer Ideologie, die in Analogie zu Lacans linguistischer Psychoanalyse als ein produktives Element dem Menschen in ritualisierten Formen ein Verständnis von sich selbst vermittelt. D.h. mit den grossen Subjekten wie Gott, der Nation oder der Partei wird erst das imaginäre Verhältnis der Menschen zu ihren Existenzbedingungen als eine "Anrufung" hergestellt Bei seinen Marx- Interpretationen stützt sich Althusser auf die von Bachelard in seiner historischen Wissenschaftstheorie verwendeten Formulierung des epistémologischen Einschnitts. Damit versucht er, Marx mit Marx als einen "Entdeckung ohne Vorläufer" zu interpretieren, der sich bei Hegel Begrifflichkeiten ausborgen musste. Eine reale materialistische Geschichtsanalyse kann sich für Althusser heute nicht mehr auf eine dialektischen Einheit stützen, sondern muss --wie später auch Laclau meint-- von "überdeterminieren" Widersprüchen ausgehen. Althusser, der als Sohn eines Kolonialbeamten in Algerien geboren und streng katholisch erzogen wird, schliesst sich während seines Studiums nationalistischen und monarchistischen Gruppen an. Sein Weltbild gerät nach einer fünf Jahre andauernden deutschen Kriegsgefangenschaft erstmals ins Wanken. Als er nach Paris zurückkehrt, engagiert er sich in linkskatholischen Zirkeln und wird unter dem Einfluss seiner späteren Frau Hélène Rytman, die bald wegen ihrer Kritik am Hitler- Stalin- Pakt aus der Kommunistischen Partei ausgeschlossenen wird, Marxist. 1948 bekommt er eine Stelle als Philosophielehrer an der "école Normale Supérieure" und tritt in die Kommunistische Partei ein, deren Mitglied er zeitlebens trotz zahlreicher Anfeindungen bleibt. In die Schlagzeilen gerät Althusser, als er 1980 seine Frau in einem manisch- depressiven Zustand erwürgt. Vom Gericht wird er (weil er seit einiger Zeit schon wegen Depressionen klinisch behandelt wurde) als "non-lieu" für schuldunfähig befunden. Bereits nach zwei Jahren kann er unter Vormundschaft die Klinik "Soisy-sur-Seinen" verlassen und lebt seitdem zurückgezogen (für Zizek wird Althusser deshalb "ein verschwindender Vermittler".) In dieser Zeit entsteht seine Autobiographie. Sein strukturalistischer Ansatz findet ausser in Europa, wo er Foucault, Zizek, Badiou und Laclau beeinflusst, vor allem auch in Lateinamerika eine starke Resonanz. |