Giorgio Agamben (1942)
In einer Zeit relativierter und damit entwerteter Kategorien bemüht sich Agamben, ein Denken über den nomos als Ort des Politischen wieder zu radikalisieren. Dabei geht er von so unterschiedlichen Ansätzen wie dem Dezisionismus von Carl Schmitt, der politischen Theologie von Ernst Kantorowicz und nicht zuletzt der Heideggerschen Fundamentalontologie aus. Auf dieser Basis will er den Foucaultschen Begriff der Biomacht wieder an die Faktizität des Lebens binden und die blosse Operationalität von historischen, politischen oder wissenschaftlichen Diskursen bzw. Praktiken --wie der Opposition von Einschliessen und Ausschluss-- einer juridisch- politischen Praxis verpflichten.
  Primär lässt sich Agamben von einer Aporie des Souveräns leiten, der für ihn über die permanente Möglichkeit des Ausnahmezustandes verfügt und in der abendländischen Geschichte allein eine originär politische Beziehung herzustellen vermag. Der Ausnahmezustand wird in dieser Weise nicht mehr auf den Krieg hin definiert, sondern auf das Leben insgesamt mit der schon bei Aristoteles angelegten Unterscheidung von anerkanntem Leben als Teil einer Gemeinschaft (bios) und dem natürlichen Leben (zoe) bezogen. Wo mit dem Bann der Mensch seine rechtlichen Ansprüche verliert und nur noch als quasi- natürlich gilt, wird er zum "nackten Leben". Oder wie schon bei Benjamin beschrieben, zum "blossen Leben". Diesen Zustand sieht Agamben in der ambivalenten Figur des homo sacer symbolisiert --einem Menschen, der nach dem römischen Recht "unrein" ist, d.h. nicht geopfert werden darf und dafür straflos tötbar ist (also aus dem Reich des Rechts und der Natur herausfällt.
  Wie bei Carl Schmitt geht Agamben von einer extremen Perspektive der Differenz aus. Der zur Regel werdende Ausnahmezustand bestimmt für ihn die Grundstruktur einer jeden staatlichen Ordnung und in der Moderne mit einer zunehmenden Ununterscheidbarkeit von Öffentlichem und Privatem grundsätzlich den politischen nomos. Damit will er zeigen, dass mit einer biopolitischen Verfügungsgewalt Menschenrechte und Konzentrationslager keinen Gegensatz bilden, sondern untrennbar zusammengehören. Wie bei Hannah Arendt wird eine Kontinuität zwischen dem totalitären Staat und der parlamentarischen Demokratie behauptet, da die Proklamation der Menschenrechte für Agamben die Lager überhaupt erst ermöglicht und zum Paradigma staatlicher Souveränität hergestellt hat. Denn eine Gesellschaft die potentiell jederzeit und überall den Menschen auf einen biologischen Nullwert zurückführen könne, mache das nackte Leben zum eigentlichen Subjekt. In einer nicht immer nachvollziehbaren Diagnose stehen deshalb für Agamben der Muselmann im KZ, der nomadisierende Flüchtling und der Koma- Patient, der für die Transplantation als Organbehälter konserviert wird, in einer biopolitischen Kontinuität. Hinzufügen liesse sich noch, dass bei gegenwärtigen militärischen (Friedens)- Einsätzen Unterscheidungen zwischen dem wichtigen Leben der Soldaten und dem einkalkulierten (tötbaren) Opfern unter der Zivilbevölkerung dieser Logik gleichfalls zu folgen scheinen.
  Eine Rettung gibt es für Agamben einzig durch eine radikale Revolution von messianischem Ausmass. Hierzu wird von ihm in Ansätzen eine ethische Vorstellung entwickelt, die auf ein Sein als reine und absolute Potenz zielt, auf ein menschliches Leben, dass --wie im Kommentar zu dem Schreiber Bartleby von Melville dargelegt-- weder individuell noch allgemein sich konstituiert. Eine Gesellschaft als eine Gemeinschaft ohne jede Voraussetzung und Bedingung, wie einer nationalen, ethnischen oder religiösen Zugehörigkeit, soll dazu die Beliebigkeit sowie Immanenz des Individuums garantieren. Damit spricht sich Agamben unmissverständlich für die Aufgabe des Staates aus.
  Der in Rom geborene Agamben studiert zuerst Jura, dann Literatur und Philosophie. Im Sommer 1966 und 1968 besucht er zwei prägende Seminare bei Heidegger. Als Herausgeber der italienischen Benjamin- Ausgabe stösst Agamben auf eine Reihe von verloren geglaubten Manuskripten. Seit Ende der achtziger Jahre widmet er sich der politischen Philosophie und lehrt als Gastprofessor u.a. in Paris, Berkeley und Los Angeles an den Universitäten Verona und Marcerata Ästhetik und Philosophie. Während seiner Studienzeit spielte er in Pasolinis Film "Das erste Evangelium nach Matthäus" den Evangelisten Philippus.