| Theodor W. Adorno -Wiesengrund (1903-1969) |
| Wenn sich Adorno mit seiner negativen Dialektik die Sicht auf die Totalität und gleichzeitig
die Erfahrung des Nichtidentischen, d.h. Besonderen bewahren will, schafft er Raum für ein immanent kritisches
Denken. Dabei wird er aber immer wieder auf die eigenen Grenzen der Reflexion zurückgeworfen. Um den Zwangscharakter
der Logik mit deren eigenen Mitteln zu durchbrechen (man wird zwangsläufig an Münchhausen erinnert), muss er
Hegel von Innen nach Aussen kehren und auf die bestimmte Negation reduzieren. Mit diesem Anspruch vertritt Adorno
vehement eine Gesellschaftskritik, bei der er sich jeder Vereinnahmung und Solidarisierung --auch während heftiger
politischer Auseinandersetzung-- hartnäckig verweigert (freilich um den Preis, ein ewiger Exilant zu bleiben).
Seine Abneigung gegen das Systematische, die Einheit oder Identität als die Urform jeder Ideologie wird zu einer
unumstösslichen Maxime. Unter diesem Gesichtspunkt ist auch in dem kleinen Buch "Jargon der Eigentlichkeit" sein
Abarbeiten an der Philosophie
Heideggers zu verstehen, die er in erster Linie als Ideologie interpretiert
und als ungeschichtlichen Archaismus zu bekämpfen versucht. Leider ohne auf Gemeinsamkeiten in der Moderne- Kritik
einzugehen.
Zusammen mit Horkheimer stellt Adorno in der "Dialektik der Aufklärung" das Vermögen der Vernunft und den Prozess der Zivilisation fundamental in Frage. Mit dem Sirenen- Motiv der Odyssee wird klargestellt, wie die Aufklärung, nachdem sie den Mythos ablöst, den Menschen seiner Natur entfremdet und wieder in einen neuen Mythos, in eine Barbarei wie die des Faschismus und der Massenkultur in den USA, also in Selbstzerstörung umschlägt. In Abgrenzung zu Spengler und Klages soll dennoch mit dem Primat des Widerspruchsprinzips und der radikalen Selbstkritik an der Rationalität festgehalten werden. Auch wenn die Totalität der gesellschaftlichen Verhältnisse so umfassend und massgeblich das Bewusstsein und jedes wissenschaftliche Denken prägt, dass eine Überwindung fast unmöglich scheint. Einen Ausweg, ein Glücksversprechen sieht Adorno jedoch in der Kunst, die zwar nicht unabhängig von der Gesellschaft existiert, aber eine Gegenposition behaupten kann, indem sie sich vom empirischen Sein lossagt und eine eigene, andere Welt hervorbringt. Dabei muss sie jedoch über ihren eigenen Begriff hinausgehen. Wenn sie als l'art pour l'art der Gesellschaft nur eine Absage erteilt, um ihre Autonomie zu behaupten, wird sie schnell zum Vehikel der Ideologie. Unter diesem Aspekt sieht Adorno vorallem den Jazz, der bloss vorgibt, aufmüpfig zu sein, und sich deshalb von der Kulturindustrie vereinnahmen lässt. Bei solchen Pauschalurteilen wird deutlich, dass er Phänomene der Massenkultur im Gegensatz zu Benjamin nur abwertend unter dem Begriff des Warenfetischismus analysieren kann. Bei seinem musikalischen Talent hat Adorno lange mit einer Karriere als Komponist geliebäugelt. Erst als ein Aufbaustudium bei Albern Berg in Wien an seinen eigenen Ansprüchen scheitert und der Versuch, mit Anton von Webern und Arnold Schönberg in einen intensiven Gedankenaustausch zu treten, auf wenig Gegenliebe stösst, werden die Ambitionen für die "Neue Musik" zugunsten einer akademischen Laufbahn zurückgeschraubt. Vor seinem Studium in Frankfurt hat er mit dem 14 Jahre älteren Freund Siegfried Kracauer bereits Kants "Kritik der reinen Vernunft" gelesen und sich für Georg Lukács begeistert. Nach einer erfolgreichen Dissertation über Husserl schafft er es aber nicht gleich, im Universitätsbetrieb Fuss zu fassen. Wegen einer Kritik seines Doktorvaters Hans Cornelius und dessen Assistenten Max Horkheimer muss er eine umfangreiche philosophisch- psychologische Abhandlung als Habilitationsschrift zurückziehen. Erst 1933 gelingt es ihm, mit der Abhandlung "Kierkegaard - Konstruktion des Ästhetischen", bei Paul Tillich eingereicht, eine Lehrbefugnis zu bekommen. Er hält nun Seminare über Benjamin, schreibt seine ersten Beiträge in der "Zeitschrift für Sozialforschung" und reist, nachdem er wegen seinem jüdischen Vater die Lehrbefugnis verliert, 1934 (mit den Familiennamen seiner Mutter und dem W.) nach England. Aber noch nicht als Emigrant, da er nur in aller Ruhe Hegel studieren will und sich wegen seiner zukünftigen Frau noch oft in Berlin aufhält. Erst als von Horkheimer aus Amerika ein Angebot zur Mitarbeit am neugegründeten Institut für Sozialforschung eintrifft, entschliesst er sich nach einem ersten New-York- Besuch 1937 zur Übersiedlung. Bis 1949 leitet er das Research Project on Social Discrimination in Los Angeles und beteiligt sich am Berkeley "Project of the Nature and Extent of Antisemitism", aus dem später die "Studien des autoritären Charakters" hervorgehen. Nach dem Umzug an die Westküste verfasst er mit Horkheimer die anfangs wenig beachtete Essaysammlung "Dialektik der Aufklärung", in deren zweiten Fassung alle marxistischen Begriffe nur noch metaphorisch verwendet werden. Nach dem Krieg reist Adorno, als ihm der schon in Frankfurt etablierte Horkheimer eine ausserplanmässige Professur anbietet, in die alte Heimat zurück. Sein erstes Buch, das er hier wieder veröffentlicht, trägt den Titel "Philosophie der neuen Musik" und basiert auf Artikeln seiner Exil- Zeit. Seine Führungsposition im Institut wird immer deutlicher, als Horkheimer seine wissenschaftliche Arbeit einschränkt und Adorno durch seine 1951 im neugegründeten Suhrkamp- Verlag erscheinende Aphorismensammlung "Minima Moralia" an Popularität gewinnt. Er hält zahlreiche Vorträge in Berlin und in Europa (1968 auch in der Tschechoslowakei), bestreitet zahlreiche Sendungen im Rundfunk sowie Fernsehen, gibt die Schriften von Benjamin heraus und arbeitet weiterhin als Musikwissenschaftler. 1961 löst er auf der Arbeitstagung der Deutschen Gesellschaft für Soziologie in Tübingen in einer Auseinandersetzung mit Popper den Positivismusstreit aus. Der Studentenbewegung steht Adorno (im Gegensatz zu Marcuse) zunehmend skeptisch gegenüber. Im Januar 1969 lässt er das Institut für Sozialforschung durch die Polizei räumen. Im Sommersemester werden seine Vorlesungen boykottiert. |