locus publicus/ celatus | 5d- raumplastik | jva frankfurt/o. [1995-1996]
Kunstprojekt in der JVA Frankfurt/O Kunstprojekt in der JVA Frankfurt/O Ausstellung in Frankfurt/O
aufbau der plastik [1996] workshop in der jva [1996] ausstellung im rathaus [1996]

wer als besucher ein gefängnis erkundet, muss viele sicherheitsbarrieren passieren. immer wieder öffnen und schliessen sich gitter oder elektrische türen. selten stellt sich aber das gefühl ein, in einen innenraum vorgedrungen zu sein. zu viele bauliche strukturen und ein zuviel an organischer dynamik verbergen sich noch hinter allen mauern. ein aussenstehender kann ein solches beziehungsgefüge kaum durchschauen und verstehen wohl nur selten. vielleicht sieht deshalb, wie viele öffentlichen diskussionen zeigen, die gesellschaft in der praktizierten abschirmung: justizvollzugsanstalt trotz aller sicherheits- und sühnungsbedürfnisse nach wie vor eine gefahr. oder genau genommen die faszination von einer gefahr, um die im gefängnis lebenden zu dämonisieren oder mystifizieren zu können.

mit der idee, einen hyperraum als diskursgrundlage zu konkretisieren, versuchte unser projekt "locus publicus/ celatus" die schwer zugängliche welt des gefängnisses mit der des öffentlichen lebens zu verbinden. es sollte im februar 1996 etwas installiert werden, dass es gar nicht geben darf und dass deshalb im verborgenen bleiben muss. das brandenburgischen justizministerium unterstützte und finanzierte unser vorhaben trotz anfänglicher skepsis grosszügig. wir konnten uns dank einer ausnahmegenehmigung in der justizvollzugsanstalt Frankfurt/O manchmal sogar ohne begleitung frei bewegen und eine geplante 5dimensionale würfel-projektion als raumplastik aufbauen.

dazu haben wir mit einer gruppe von fünf langzeitstraflern und zwei einsitzenden dealern in einer freigeräumten zelle 64 eingefärbte hanfseile an der decke aufgehängt. die jeweilige position der seile wurde von den vier grundrissen eines 5dimensionalen würfels bestimmt, welche sich mit einer rotation in der vierten raumachse ergaben. die jeweils parallel liegenden kanten des würfels wurden als gruppen auf eine ebene fixiert und in der räumlichen anordnung zu einer labyrinthischen struktur verbunden. als es fertig war, verblieb das werk als ein unsicheres wurmloch für einen monat in der abgeschlossenen zelle.

für die öffentlichkeit war die raumplastik nur in der medialen vermittlung, d.h. als eine video- und fotodokumentation im rathaus der stadt stadt Frankfurt/O zugänglich. darüber hinaus wurden hier die ergebnisse eines workshops präsentiert. der fotograf thomas kläber zeigte seine während des projektes entstandene serie "getrennte räume", in der er jeweils zwei nebeneinander liegende ausschnitte des filmnegativs zu einem bild verband. mit unserer dokumentation wurde ein geschlossener mit einem öffentlichen raum hyperdimensional verknüpft. die zu imaginierende verbindung verkörperte als virtualität das tatsächliche kunstobjekt und war schwer vermittelbar.

die arbeit in der jva Frankfurt/O ist nicht frei von widersprüchen, skepsis und abneigungen geblieben und war insofern für uns schwer kalkulierbar. unser projekt muss für einige anstalts-bedienstete eine zumutung gewesen sein. in manchen momenten aber auch die willkommene gelegenheit, um über die eigene arbeit reflektieren und berichten zu können. die beteiligten gefangenen verstanden es hingegen gut, die von uns hineingetragenen intentionen mit eigener kreativität zu füllen. nachdem unsere raumverwerfung aber zeitungsberichte und einen fernsehbeitrag einbrachten, wurde sie von allen als sinnvoll eingestuft.

© Frank Richter | Uta Freese