locus publicus/ celatus | 5d- raumplastik | jva frankfurt/o. [1995-1996]
Kunstprojekt in der JVA Frankfurt/O Kunstprojekt in der JVA Frankfurt/O Ausstellung in Frankfurt/O
aufbau der plastik [1996] workshop in der jva [1996] ausstellung im rathaus [1996]

wer als fremder ein gefängnis besucht, muss viele sicherheitsbarrieren passieren. immer wieder öffnen und schliessen sich gitter oder elektrische türen. selten stellt sich aber das gefühl ein, in einen innenraum vorgedrungen zu sein. zu viele strukturen und ein zuviel an organischer dynamik verbergen sich noch hinter allen mauern. ein aussenstehender kann ein solches beziehungsgefüge kaum durchschauen und verstehen wohl nur selten. vielleicht sieht deshalb, wie viele öffentlichen diskussionen zeigen, die gesellschaft in der praktizierten abschirmung: justizvollzugsanstalt trotz aller sicherheits- und sühnungsbedürfnisse eine gefahr. oder genau genommen die faszination von einer gefahr, um die im gefängnis lebenden und arbeitenden zu dämonisieren oder mystifizieren zu können.

mit der idee, einen hyperraum als diskursgrundlage zu konkretisieren, sollte das projekt "locus publicus/ celatus" von dezember 1995 bis märz 1996 deshalb konfrontatitiv die schwer zugängliche welt des gefängnisses mit der des öffentlichen lebens verbinden. das brandenburgischen justizministerium unterstützte und finanzierte das vorhaben trotz anfänglicher skepsis grosszügig. wir konnten uns dank einer ausnahmegenehmigung in der justizvollzugsanstalt frankfurt/o in begleitung frei zu bewegen und mit einige insassen die geplante 5dimensionale würfel-projektion als raumplastik aufbauen.

dazu wurden in einer freigeräumten zelle 64 eingefärbte hanfseile an der decke aufgehängt. ihre jeweilige position wurde von den vier grundrissen eines 5dimensionalen würfels bestimmt. so konnten alle kanten des würfels auf eine ebene fixiert und in der räumlichen anordnung zu einer labyrinthischen struktur verwebt werden.

für die öffentlichkeit war die raumplastik nur in der medialen vermittlung, d.h. als eine video- und fotodokumentation während einer ausstellung im rathaus der stadt frankurt/o zugänglich. darüber hinaus wurden hier die ergebnisse eines workshops präsentiert. der fotograf thomas kläber zeigte seine während des projektes enstandene foto- serie "getrennte räume", in der er jeweils zwei nebeneinander liegende ausschnitte des filmnegativs zu einem bild verband.

die arbeit in der jva frankfurt/o ist nicht frei von widersprüchen, skepsis und abneigungen geblieben und war insofern schwer kalkulierbar. der konzeptionelle rahmen muss für einige anstaltsbedienstete eine zumutung gewesen sein. in manchen momenten aber auch eine willkommene gelegenheit, um über die eigene arbeit reflektieren und berichten zu können. die beteiligten gefangenen verstanden es gut, die von uns hineingetragenen intentionen mit eigener kreativität zu füllen.

© Frank Richter | Uta Freese