inter cultus | raum-installation | vetschau [1996]
raum-installation | vetschau
raum-installation in der wendisch-deutschen doppelkirche vetschau [1996]

der begriff der kultur wird in bezug auf prosperierende städte zunehmend im plural gebraucht. in der brandenburgischen stadt Vetschau verweist man vielleicht daher gern auf ein architektonisches denkmal, das in seiner verbundenheit die koexistenz zweier kulturen recht exemplarisch verkörpert. äusserlich durch einen turm vereint und im inneren über eine sakristei verbunden, legt hier die wendisch-deutsche-Doppelkirche zeugnis vom traditionellen zusammenleben der sorben und deutschen in der niederlausitz ab.

die primäre muttersprache, das sorbische bzw. wendische, ist nur noch wenigen vertraut und wird vornehmlich von den älteren verwendet oder langatmig bei volksfesten auf bühnen vorgetragen. sorbische schriftsteller schreiben häufig in deutsch und lassen ihre manuskripte danach von lektoren übersetzen. seit langem steht die nationale minderheit staatlich unter schutz und die slawische sprache wird an einem sorbischen gymnasium vermittelt, wo sie viele als neueinsteiger erlernen. seitdem das leben heimatlos zu sein hat und die jugend eine globale karriere anstrebt, favorisiert sie aber das englische.

die ambivalente beziehung von kulturellen differenzen versuchte in der vetschauer kirche unsere raum-installation, für einen monat zu veranschaulichen. wir brachten dafür die idee eines hyperwürfels ins spiel und versinnbildlichten in diesem rahmen gedankliche konzepte mit der komplexität von ineinander verschränkten räumen. ausgegangen waren wir von dem modell einer vierdimensionalen struktur, die ein hyperwürfel gut konkretisiert. der körper wurde als ein verbund von roten, schwarzen und weissen flächen für dieses projekt entworfen und seine hyperdimensionale rotation als schnittdarstellung fixiert.

unsere installation veränderte mit fast 1.000 quadratmetern stoffbahnen die innenräume der beiden gotteshäuser gravierend. 24 von der decke herabhängende soffitten, welche die flächen des würfels waren, unterbanden in beiden kirchenschiffen jede in die tiefe gehende sichtachse. mit der hyperdimenionalen rotation entstanden zahlreiche zwischenräume, die zu einer separierung und intimeren akustik führten. das interieur konnte nur noch in der relation von details und mit dem raster der farbigen cubenflächen wahrgenommen werden.

das prinzip der relativierung bestimmte gleichfalls eine in der kirche gezeigte präsentation von bild-, text- und videomaterial zum thema heimat. im vorfeld hatten wir dazu unterschiedlichste quellen recherchiert und dabei festgestellt, dass sich sogar gegensätzliche thesen als ein komplexes netzwerk von ideen und ansprüchen verknüpfen liessen. in unserer darstellung waren zitate von heimat-ideologen und informationen zu den ethnischen besonderheiten der region am computer in einem stetig sich neuformierenden endlos-text nachzulesen.

© Frank Richter | Uta Freese