enter the hyperspace


ein 4dimensionaler würfel setzt einen raum voraus, der durch vier koordinatenachsen bestimmt wird, die alle zueinander in einem rechten winkel stehen. einen körper in solch einem raum kann man nicht als eine reale gegebenheit wahrnehmen. sondern nur als ein mathematisches konstrukt akzeptieren, das gesetzt, erdacht und als ein reines gedankengebilde hervorgebracht wurde.

--wie auch die 4dimensionale fläche, den hypertetraeder, den hypertorus oder die hyperkugel, welche sich aber in ihrer äusseren erscheinung nicht wesentlich von einer gemeinen kugel unterscheidet.

obwohl in ihrer vielschichtigkeit schwer durchschaubar, sind dem gehirn als ein mit hoher komplexität entwickeltes organ eigentlich hyperdimensionale strukturen nicht fremd. da jede nervenzelle sich über synapsen hochgradig, d.h. ungleich höher als bei einem superschnellen parellelrechner vernetzt, können menschliche denkbahnen mit sehr vielen freiheitsgraden operieren. mit diesem potential überschreiten sie in einer zeit, die durch schwer überschaubare daten- sowie kommunikationsnetze bestimmt wird, zwangsläufig die drei dimensionen der alltäglichen vorstellungswelt.

--demgegenüber steht aber die unfassbarkeit von räumen, welche die dimensionalität unserer körperlichen verfasstheit übersteigen.

es ist aber immerhin möglich, den hyperraum als eine schematische fortschreibung des bekannten 3dimensionalen koordinatensystems zu verstehen. wenn jeder punkt des 3dimensionalen erfahrungsraumes durch drei zahlen exakt bestimmt werden kann, lässt sich auch ein vektor mit vier zahlen als repräsentanten eines punktes in einer 4dimensionalen welt fixieren. fünf zahlen repräsentieren dann eine position in einem 5dimensionalen universum, die sich mit anderen derartigen positionen ganz einfach zu 5dimensionalen körpern verbinden.

--eine entität in einer solcher vektor-matrix wird allein von daten bestimmt und ist von den beschränkungen der materiellen gegebenheiten frei. also zunächst einmal virtuell.

abbildbar sind hyperräumliche konstellationen, wenn sie sich -wie beim schattenriss eines 3dimensionalen körpers- als projektionen darstellen. ein 4d-würfel kann auf diese weise als eine plastik konstruiert werden, wobei die kanten der vierten dimension nicht im 3dimensionalen raum liegen, sondern verkürzt als projizierte tiefe vorliegen. ebenso wird ein gewöhnlicher würfel auf einer ebene orthogonal mit verzerrten kanten wahrgenommen. jede dimension formiert sich somit zu einer unendlichen zusammensetzung der vorherigen dimension. d.h. die erste dimension bildet sich aus einer unendlichen anzahl von punkten der nullten dimension und die zweite dimension aus einer unendlichen anzahl von linien heraus. überträgt man diese analogie auf den hypersphäre, dann ist diese die synthese unendlich vieler 3dimensionaler räume.

--allein die vorstellungskraft reicht nicht aus, um sich die vierte dimension tatsächlich vorzustellen. es gilt also den hyperraum einzuholen, ohne ihn zu überholen.

zunächst einmal gibt es den hyperraum nur als eine einfache erweiterung des bekannten 3dimensionalen koordinatensystems. hierfür wird eine zusätzliche achse eingeführt, die nicht im raum der anderen dimensionen liegt, diese aber kugelförmig umfasst. eine solche progression lässt sich mit der formalisierung des raumes auf der grundlage des kartesischen koordinatensystems berechnen. wenn jeder punkt im raum exakt mathematisch beschreibbar ist, können multiple verknüpfungen mit stetig wachsenden freiheitsgraden erzeugt und am computer als animation generiert werden.

--ein betrachter, der solche komplexitäten nicht im detail nachvollziehen kann, wird unweigerlich mit den grenzen seiner sinnlichen wahnehmung und dem prinzipiell unbegrenzten operieren mit abstraktionen konfrontiert.

mit dem hyperraum als imaginären überraum verbindet man heute nicht nur formal in der superstring- theorie die gravitation mit der quantenphysik, sondern es ist auch bereits usus, in multivarianten, also mehrdimensionalen datenbanken die unterschiedlichsten informationen zu vernetzen. auf diese weise werden weitreichende relationen deutlich, die mit herkömmlichen methoden nicht ermittelbar sind. z.b. in elektronischen klimakarten der weltweit operierenden meteorologen oder in datenbanken von international agierenden geheimdiensten, wo fakten sich zu kraftfeldern generieren, die kleinste energetische ladungen miteinander in beziehung setzen und auch die unwahrscheinlichsten entladungen aufspüren.

--der extradimensionale raum ist ein unort, d.h. eine utopie, die uns als ästhetischer überbau globaler kommunikations- und informationsnetze längst eingeholt hat.

verknüpfungen in einer hyperdimensionalen topologie generieren, wie in science-fiction-filmen mit vielen effekten vorgeführt, labyrinthische strukturen mit permanenten ausdifferenzierungen. dies führt zu schwer überschaubaren konstellationen, in denen unterschiedliche teilsysteme quantitative beziehungen eingehen. solche konglomerate können sich zu komplexen raumstrukturen konkretisieren, welche permanent bizarre verflechtungen herstellen. es liegen dabei ordnungen vor, die sich wechselseitig durchdringen und im detail durchmischen. alle elemente sind miteinander mehrfach verschränkt und reproduzieren bereits mit ihren freiheitsgraden die gesamte konfiguration. obwohl die vielschichtigkeit von bezügen, in denen daten von einer multidimensionalen matrix aufgespannt werden, schwindelnde höhen erreicht, sind in der regel die anvisierten korrelationen mit einer entsprechenden software und rechnerleistung einfach zu beherrschen.

--mit meta-theorien, die wie bei platons idealen in der Politeia ausserhalb der menschlichen beschränkheit angesiedelt sind, kann selbst das disparate miteinander verbunden werden. so lösen sich in mehrfach verschränkten dispositionen auch dissonanzen bald auf.

eine hyperdimensionale datenstruktur vereint mit einer nicht-linearen anordnung unendlich wachsende gegebenheiten, da ihre strukturen stetig sich potenzierende anschlüsse, d.h. verbindungen mit multiplen knoten herstellen. als zumeist offene, dynamische systeme verfügen solche wissensspeicher über ungeheure wachstums- und interpretationspotentiale und können deshalb erkenntnisse und theorien ganz unterschiedlicher informationsbereiche, auch sich widersprechende, direkt oder über umwege strukturell vereinen. alle möglichen verknüpfungen und systemverschränkungen werden durch eine mathematische kausalität aus höheren dimensionen logisch abgesichert. der hyperraum favorisiert sich so zu einer erkenntnisform, mit der voneinander völlig unabhängige richtungen und topoi als zusammengehörig erfahren werden.

--wer sich den hyperraum vorstellen kann, der kann sich in dieser welt fast alles vorstellen.

frank richter 2004


das wuchern der systeme


man muss von etwas einfachem ausgehen, von etwas ganz einfachem, damit es voller und voller, dichter und dichter wird. man muss so lange beginnen, bis eine komplexität erreicht wird, die nicht mehr zu stoppen ist. denn unter einfachen bedingungen, mit kalkulierbaren und gut unterscheidbaren formen wie punkten, linien oder rechtecken sollen sich bilder generieren, in denen es keine festen positionen mehr gibt und in denen ein steter übergang von synergetischen konstellationen eine prinzipielle mobilität und entwicklung garantiert. auf diese weise entstehen kompositionen, die sich nicht in einem gleichgewicht befinden und die nach aussen hin nicht abgeschlossen sind, da sich in ihnen entgegen den postulaten der klassischen thermodynamik immer wieder neue ordnungen etablieren sollen -----((so dass jeder zustand im unbestimmten aufgehe)).

solche modifikationen können mit einfachen algebraischen operationen erreicht werden. durch überlagerungen z.b. ergeben sich weitreichende überschneidungen, wenn etwa vierzig entsprechend grosse rechtecke willkürlich auf einer ebene angeordnet werden. ihre flächen überdecken und zerschneiden sich rekursiv, so dass im grundriss nicht mehr vierzig, sondern vielleicht als immer kleinere parzellen achtzig oder sogar zweihundert rechtecke vorliegen. wer will sich die mühe machen, alle hinzugekommenen elemente zu zählen. und wer hat überhaupt den ehrgeiz, sie auseinander zu halten, da also vierzig nicht vierzig, sondern achtzig oder zweihundert und vielleicht noch viel mehr ergibt. und insofern sich in einem bild zu viele rechtecke, kreise, quadrate oder sogar mehrdimensionale körper unaufhörlich potenzieren, führen generische verdichtungen mit weit ausufernden verästelungen wie in einer unkontrolliert wachsenden metropole zu changierenden inklusionen und exklusionen. es kommt, da jedes element mit den operativen optionen von translationen, rotationen und skalierungen über sich kontinuierlich hinauswächst, zu bizarren auffächerungen, potenzierungen und letztendlich permanenten ausdifferenzierungen, die heterotopisch kollisionen, brechungen und ausfransungen erzwingen ---((eine ordnung fixiert die nächsthöhere)).

bei derartigen komplexitätszuwächsen liegen bald strukturen vor, die man kaum noch überblicken kann, aber ertragen muss, weil sie zum ideal einer global globalisierten lebenswelt geworden sind, in der man schon lange unterwegs ist, ohne je in ihr angekommen zu sein. zählt das ganze mehr als die summe all seiner teile, generieren sich bei zufälligen wachstumsprozessen schwer überschaubare konstellationen aus relativ stabilen ordungssystemen. durch die innere dynamik aller möglichen relationen werden im babylonischen ganzen unterscheidbare teile zu blossen elementen, die allein von der vorliegenden komposition her zu bestimmen und auf das ganze zu beziehen sind. d.h. die spontane herausbildung von neuen strukturen auf der makroebene ist nicht mehr auf die eigenschaften von einzelnen entitäten zurückzuführen, welche diese für sich aufweisen. es liegen somit bildkompositionen vor, die eine zumutung sind, weil das, was man imaginieren muss, nicht mehr mit dem wahrgenommenen, mit dem sinnlich wahrnehmbaren in einklang zu bringen ist ---((poesis und poesie - ohne grössenwahn gibt es keinen wahn und vielleicht auch keine freiräume für das zustandekommen alles erdenklichen)).

mit steigender komplexität entsteht bei der willkürlichen anordnung und bewegung von punkten, linien oder rechtecken mit hoher wahrscheinlichkeit nur ein leeres rauschen. dies schliesst aber nicht aus, dass sich auch unterschwellig innovative kompositionen herausbilden können. ist dies der fall, dann ist oft von ästhetischen dispositionen auszugehen, die sich zumeist mit mathematischen modellen beschreiben und mit algorithmen erneut modellieren sowie modifizieren lassen. mitunter kann sich sogar ab einer gewissen dichte durch einfache wechselwirkungen ein ästhetischer möglichkeitsraum herausbilden, in dem eine mikrostrukturelle wucherung als eine zufällige, willkürliche disposition von einer geordneten, folgerichtigen formation kaum zu unterscheiden ist. das zufällige erweckt dabei den eindruck des geplanten, sowie umgekehrt eine hochgradige determiniertheit von relationen als willkürlich dem betrachter erscheint ---((kann man strukturen folgen, die folgenlos sind? das grosse geheimnis des zufallsgenerators: sein potentielles wissen wird niemand verstehen)).

gehen bildwucherungen aus einem freien spiel hervor, dessen verlauf zwar durch regeln festgelegt, aber im aufbau weitgehend durch unvorhersehbare zufallsentscheidungen bestimmt wird, ist dennoch zu erwarten, dass plötzlich neu entstehende konstellationen nicht mehr voraussagbar sind, obwohl auftauchende neuerungen auf die eigenschaften einzelner elemente zurückgeführt werden müsssen. gründe für die unvorhersagbarkeit von generativen wucherungen können in einer zu hohen komplexität liegen, die keine rückschlüsse mehr über alle determinationen garantiert. bietet ein bild dem betrachter zu viele fragmente an, kann es ohne die reduktion, ohne eine vereinfachung nicht mehr erfasst werden. denn sind all seine elemente mehrfach ineinander verschachtelt und verzahnt, beginnt sich ein ästhetisches gebilde der antizipation nach und nach zu entziehen --((die mobilmachung des gewöhnlichen, das wuchern der zusammenhänge, das ist komplex)).

parataktische beziehungen, in denen es keine mitte und nicht die hierarchie von einem vorder- und hintergrund gibt, nur die auflösung von topografischen grenzen und lokalen fixierungen, schaffen eine geräumige leere, welche die imagination überfordern. als ganzes verwirklicht hebt das einzelne, gut unterscheidbare element sich hier als qualitätsbestimmende komponente selber auf. es ist nicht mehr möglich, durch konklusionen von den eigenschaften der komponenten zu den eigenschaften der komposition insgesamt und umgekehrt vom ganzen auf das einzelne rückschlüsse herzustellen. wo ein steter übergang von konstellationen eine prinzipielle mobilität und entwicklung erzwingt, triumphiert die vorliegende komposition allzu oft über ihr eigenes organisationsprinzip. oder anders gesagt: wenn eine wuchernde struktur sich permanent selbst überbietet, entspricht sein jeweilige status quo schon bald nicht mehr dem sich eigentlich darstellenden zustand. ---((man kann bilder imaginieren, die keiner sich vorstellen will und die man sich irgendwann nicht mehr selber ansehen möchte)).

man muss von etwas einfachem ausgehen, bis es voller und dichter wird. man muss so lange beginnen, bis eine komplexität erreicht wird, die nicht mehr zu stoppen ist. wenn das wahrnehmbare in einem steten übergang, in einem durch setzungen und gegensetzungen gesteuerten fluss kreist, wird es für die orientierung zunehmend aussichtsloser sein, in bildern regelmässigkeiten wie wiederholungen oder blosse ähnlichkeiten zu fixieren. jede komposition bringt in einem hierarchielosen allover unaufhörlich neue details hervor und ordnet diese wie die bunten glassplitter in einem kaleidoskop zu stets neuen mustern an. ---((ganz gleich, ob es sich um bloss zufällige oder merkwürdig, seltsam zugefallene anordnungen handelt. man gerät vom tausendsten in immer eine neue ordnung)).

frank richter, 2002


Lingua Trium Insignium


das LTI, das ILT, das LIT, das ITL, das TIL und das TLI. ein satz, der sich nur aus den buchstaben L, T und I zusammensetzt. ein satz der mit drei zeichen operiert und sechs wort-kombinationen hervorbringt.

syntaktische permutationen sind unheimliche angelegenheiten. sie werden nicht für den privaten hausgebrauch und auch nicht für die öffentlichkeit formuliert. sie sind perfekt, da sie kein schein trügt, und ernüchternd, wenn man das verfahren erst einmal erkannt hat.

oder das ILT, das ITL, das TIL, das LIT, das TLI und jetzt durch eine andere anordnung am ende das LTI. durch einfache variationen ergeben sich immer wieder neue sätze, wenn man die reihenfolge der wörter als unterscheidungsmerkmal einführt. als folge ihrer varierten anordnungen potenzieren solche paraphrasen dann wie von selbst texte. 1 mal 2 mal 3 mal 4 mal 5 mal 6 umstellungen dieser art ergeben bereits 720 LTI-übertreibungen in einem mehrere seiten umfassenden manuskript.

in permutationen steckt oft ein übermut, der zu einer überforderung führt. denn wer kann schon einen sich selbst multiplizierenden text im grossen und ganzen überblicken, und wer will ihn eigentlich überblicken oder gar überprüfen. seine länge ist letztendlich wie Borges bibliothek in babel unbegrenzt. es gibt stets noch eine kombination, die kombination der schon aufgezeigten kombinationen untereinander, die einen solchen text fortschreibt.

in der multiplen verknüpfung wachsen aus dem L (dem zum bild gewordenen rechten winkel), dem T (als lot) und dem I (als streckenmass) imaginäre architekturen mit komplexen formationen. kommt es, wie bei alphabetischen zeichen üblich, zu einer aneinanderreihung, wird auf einer fläche eine text-struktur konkretisiert. bei sich alternierend in alle richtungen verzweigenden fortsetzungen entstehen räumliche konstellationen und irgendwann auch mehrdimensionale hypertexte, die unser wahrnehmungsvermögen allmählich übersteigen.

dabei ist alles ganz einfach durch analogien zu erklären. das wuchern beginnt mit einem punkt, der mit der verschiebung zur strecke, zum quadrat und schliesslich zu einem 3dimensionalen würfel wächst. wird der würfel dann an seinen acht eckpunkten mit der tiefe eines viertes vektors versetzt, bildet sich ein hypercubus heraus: ein körper mit insgesamt 16 eckpunkten und vier gruppen von jeweils parallel zueinander stehenden kanten. höher dimensionierte beziehungen ergeben sich, wenn zwei 4dimensionale cuben an ihren eckpunkten zu einem 5d-hypercubus verbunden werden.

es spielt keine rolle, dass man einen hyperwürfel nicht im originalzustand erfassen kann. es genügt, einzig die inneren relationen, die logistik seiner verknüpfung zu kennen. ein hyperdimensionaler körper konstruiert sich ohne die hierarchie eines ordnenden zentrums hochgradig symmetrisch. alle elemente sind miteinander verwoben und reproduzieren im detail ihrer relationen die gesamte konfiguration.

im ersten moment widersprechen solche komplexen konstruktionen der alltäglichen erfahrung. sie in das reich von fiktionen d.h. in ein virtuelles nirgendwo zu verweisen, bleibt aber eine unakzeptable vereinfachung. handelt es sich doch bei diesen gebilden um phänomene, die als schatten in ihrer plastizität wahrnehmbar sind und damit in unsere zunehmend hyperglobale gegenwart als diloszierende räume zurückfallen.

die vorstellungskraft wird herausgefordert und in schwingungen gebracht, wenn z.b. 2dimensionale konstellationen in 4dimensionalen räumen aufeinander treffen. oder wenn 3dimensionale anordnungen in einem 6achsigen koordinatensystem verbindungen eingehen. so wie vielleicht rückkopplungen als schleifen im bewusstsein den prozess der bewusstwerdung erst ermöglichen, damit das vorhandene in eine immer höhere ordnung aufgehe.

darüber hinaus ermöglichen solchen verschränkungen auch gebrochene dimensionen. die sich aus den zeichen L, T und I zusammensetzenden textstrukturen können unter diesen voraussetzungen fraktale bilder generieren, welche in ihrer mikrostruktur die potentiale einer vielschichtigen komposition selbstähnlich wiederholen. bildet sich solcherart über zeichen-setzungen ein hyperdimensionales netzwerk heraus, entstehen mehrfach ineinander verschränkte texträume.

die fähigkeit zur steten wandlung, zur sequenz determiniert strukturen mit mehreren freiheitsgraden. gibt es in einem text anstatt der linearen anordnung stetige verzweigungen, bilden sich bizarre konstellationen heraus. d.h.lese-wege mit labyrinthischen ausmassen, bei denen ein zeichen wie ein wegweiser vier richtungen vorschlägt, die zu zeichen führen, welche wiederum jeweils vier ziele anbieten. punktuelle veränderungen führen in diesen gefügen zu wechselseitigen modifikationen und zur neubildung von substrukturen, denn jeder textteil verhält sich zum ganzen wie das ganze zu einem geheimnis.

in der konsequenz wachsen aus solchen konstellationen komplexe hypertexte, in denen der austausch von einem zeichen eine umstrukturierung im weiteren umfeld oder sogar im gesamten system verursachen kann. folgt z.b. einem L ein T statt einem I, kann dies für die textatur weitreichende folgen haben, die im system insgesamt zu neuen konfigurationen führen. das potential aller möglichen zeichenrelationen in einem hyperdimensionalen LTI-text wird zu einer herausforderung. es ist nicht möglich, den eigenen blick auf zentrale punkte zu fokussieren oder allgemein auf statische fundamente zu stellen. es konkretisiert a fortiori jede relativierung ein virulentes a priori.

für das entstehen der serie "lingua trium insignium" war es in erster linie wichtig, zeichen- arrangements und algorithmen zu finden, welche die wahlmöglichkeiten weiterer kompositionen erhöhen und somit nie ein einzelnes bild als eine wahrnehmbare grenze postulieren.

frank richter, 1996/2000


Der Übermut von Texträumen


Ein vierdimensionaler Würfel besteht aus 32 Kanten, die in 16 Eckpunkten jeweils in vier rechten Winkeln zusammentreffen. Einen solchen Körper kann man nicht als eine reale Gegebenheit wahrnehmen, sondern sich nur als ein mathematisches Konstrukt vorstellen. Der Konzeptkünstler Frank Richter geht jedoch davon aus, dass unsere Alltagsvorstellungen zunehmend von hyperdimensionalen Räumen bestimmt werden. Handelt es sich für ihn doch bei diesem Phänomen um eine Gegebenheit, die unsere Orientierung in einer globalen Medienwelt zunehmend prägt.
Demgegenüber steht aber die Unfassbarkeit von Räumen, die über die Dimensionalität unseres Körpers hinausgehen. Denn es gibt den Hyperraum zunächst einmal nur als eine schematische Fortschreibung des dreidimensionalen Koordinatensystems. Diese Progression wird in frühen Arbeiten bei Frank Richter mit Zeichenrelationen konkretisiert. Mit seiner LTI-Sprache, der lingua trium insignium, die sich aus einfachen Elementen der Wahrnehmung (einem L als rechten Winkel, einem T als Lot und dem I als Streckenmass) aufbaut, wird die Eindimensionalität von Satzstrukturen aufgebrochen. D.h. die gewohnte Linearität eines Textflusses erweitert sich wie bei einem Rhizom durch alternierende Verzweigungen zu mehrdimensionalen Text-Räumen. Wahrnehmbar sind solche Konstellationen bei Frank Richter in Grafiken und Plastiken als Hyperwürfel, die sich -analog dem Schattenriss eines dreidimensionalen Körpers- als räumliche Projektionen darstellen.
In seinen am Computer entwickelten Kompositionen steckt ein Übermut, der die Wahrnehmung herausfordert und gleichzeitig überfordert. Multiple Verknüpfungen mit bis zu fünf Freiheitsgraden generieren labyrinthische Texturen. Ein Betrachter, der solche Komplexitäten nicht mehr im Detail nachvollziehen kann, wird unweigerlich dazu angeregt, über das Verhältnis von Vorstellungsvermögen, Abstraktion und sinnlicher Wahrnehmung nachzudenken.

Tobby Lang, 2007


Frank Richters Kunst: Hyperraum und Cyberspace


Jenseits der Gefälligkeiten und Verwirrungen postmoderner Sinnlichkeit scheint sich Frank Richter damit zu beschäftigen, der bildnerischen Dimension eine Konzeption oder eine Sprache geben zu wollen ...
Wenn wir uns die Bilder einmal genauer anschauen, sehen wir mit dem Computer hergestellte Darstellungen, die insgesamt darauf angelegt sind, über den Ansatz der Dreidimensionalität hinauszugelangen, um dadurch sogenannte Hyper-Räume entstehen zu lassen, die nach eigenem Bekunden des Künstlers der Alltagserfahrung zunächst widersprechen und damit in das Reich der Utopien zu verweisen wären, d.h. in das "Nirgendwo", das eine andere, virtuelle Wirklichkeit bezeichnet, die der faktischen Realität als Wunsch- oder als Schreckbild entgegengesetzt wird. Frank Richter ist jedoch der Überzeugung, dass es eine Rückkehr aus dieser Utopie in den Alltag geben kann, die schliesslich auf eine Bereicherung des menschlichen aisthesis und dadurch auf eine Befähigung "viele im alltag nicht mehr in einklang zu bringende phänomene über den hyperraum wieder zusammengehen" zu lassen ...
Über diese Bilder zu sprechen, heisst also nicht, über die Abbildung der äusseren Wirklichkeit, sondern über die innere Notwendigkeit des Dargestellten zu sprechen. Einen Zugang gewinnt man am besten, wenn man mit dem sehenden Auge die Darstellung gleichsam nachzuzeichnen beginnt ...

Dr. Hans Friesen, aus einer Rede zur Ausstellung "lingua trium insignium" 1996


enge der imagination


auf rot folgt blau, auf blau grün und dann wieder rot und blau und grün. denn es gilt, wo rot ist, kann nicht grün oder blau sein. und wo grün ist, nicht rot oder blau.

wer ein bild betrachtet, hat sich zunächst einmal an farbwerten und deren anordnungen zu orientieren. er muss möglichst viele farben erkennen und diese insgesamt als ein beziehungsgefüge mit gestalterischen harmonien und kontrastierungen erfassen.

rot trifft auf blau und wird allmählich von blau geschluckt, während grün grün bleibt.

bilder sind informationen und lassen sich auf informationen reduzieren. je grösser die auflösung ist, desto mehr informationen gehen miteinander beziehungen ein. ein bild, das nur aus einem raster von 100 x 100 punkten bzw. pigmenten besteht, bietet schon 10000 hoch 3 mögliche anordnungen der farben rot, blau und grün. es können sich dabei zufällige formationen und auch einfach strukturierte verteilungen (z.b. schachbrettmuster, dreiecksgitter oder sogar monochrome farbflächen) generieren.

wieder zu viel rot im blau, wenn die sonne am meer untergeht. in einem bild muss man farben genau, also präzise erfassen.

bei entsprechender grösse werden bei einer willkürlichen verteilung irreguläre und ebenso innovative konstellationen wahrscheinlicher. solche verteilungen fallen mit ungewöhnlichen kombinationen aus dem repertoire üblicher und erkennbarer muster heraus. sie übersteigen manchmal die vorstellung von vorstellbaren ordnungen.

enge der imagination, bekennende zwänge einer nicht endenden länge. farben kann man nicht ergreifen und dem zu folge auch nicht begreifen, sondern nur als eine leere beziehung von repräsentationen, respektive als signifikanten identifizieren.

das erfassen von strukturellen zusammenhängen in einer komposition setzt ein kognitives abstraktionsvermögen voraus, das dem erkennen von mustern vorhergeht. d.h. es sind anstatt mit visuellen sinneseindrücken primär mit abstrakten begriffen zuordnungen zu treffen, um regelmässigkeiten wie wiederholungen, symmetrien, hierarchien etc. wahrzunehmen. das gesehene ist etwas, in dem das gesehene als sprache enthalten ist.

das weissbuch der wolken ist noch zu schreiben. alles, was man mit farben darstellen kann, ist nichts im vergleich zu dem, was man nicht mit farben darstellen kann. die grenze der menschlichen wahrnehmung ist ihre indisposition.

es gilt bei der betrachtung eines bildes, das gegeben anschauliche der farben als konkret und das verallgemeinerte, also den reinen begriff einer farbe als abstraktion zu fixieren. das sinnlich wahrgenommene wird vom gedachten bzw. logisch konstruierten streng unterschieden und auf diese weise das tatsächlich vorgefundene dem blossen begriff gegenübergestellt. somit intendiert das ambivalente verhältnis von begriff und vorstellbarer gegenständlichkeit jeweils augenblicklich das reale der wahrnehmung.

das strahlende himmelsblau ist eine bestimmtheitsgabe. je mehr man der farben und deren benennung bedarf, umso scheinbarer erscheint alles scheinbare.

wenn sich farbige arrangements bei willkürlichen anordnungen nur durch ihre beziehung zueinander zu erkennen ergeben, d.h. durch die Vermittlung immer anderer farben, die sich wiederum ohne feststehende bedeutung aus einer weiteren relation herleiten, gibt es letztendlich keine eindeutig erkennbare ordnung. die betrachtung eines bildes wird zu einer strategischen spur inmitten von schier unbegrenzten bezügen der farben auf- und untereinander.

bei geschlossenen augen manchmal ein himmel nur aus weltraumschwärze. die farben eines bildes sagen nichts über die farben eines bildes aus. das erkannte bekannte wird zur betrachtung der betrachtung.

eine farbe, die man sieht oder sich vorstellt, bedeckt stets eine gewisse fläche und steht in einem bestimmten raum-verhältnis. andererseits werden durch farben auch räumliche situationen erst erzeugt, z.b. räume vergrössert oder verkleinert, teilbereiche in den vordergrund oder hintergrund gerückt. so entstehen anordnungen, die sich mit der position des betrachters verändern. es kommt trotz genauer betrachtung oft zu falschen einschätzungen und schliesslich zu wahrnehmungstäuschungen, da optische sinneseindrücke ebenso wie der geschmack oder der geruch nicht allein durch physikalische parameter bestimmt werden.

die allmacht des künstlers: er kann jede art der wahrnehmung augenblicklich und jederzeit in farben festhalten, ohne wissen und erklären zu müssen, was farben eigentlich sind.

frank richter 1994/2001