Lingua Trium Insignium


das LTI, das ILT, das LIT, das ITL, das TIL und das TLI. ein satz, der sich nur aus den buchstaben L, T und I zusammensetzt. ein satz der mit drei zeichen operiert und maximal sechs wort-kombinationen hervorbringt.

mitteilungen, deren syntax nur der logik von permutationen folgt, sind unheimliche angelegenheiten. sie werden nicht für den privaten hausgebrauch und auch nicht für die öffentlichkeit formuliert. sie sind perfekt, da sie kein schein trügt, und ernüchternd, wenn man das verfahren erst einmal erkannt hat.

oder das ILT, das ITL, das TIL, das LIT, das TLI und jetzt durch eine andere anordnung in einem zweiten satz am ende das LTI. permutationen können sich zu einem immer grösseren geflecht von texturen potenzieren, wenn man ihre reihenfolge als unterscheidungsmerkmal einführt. der erste satz schreibt nun wie von selbst die folgen seiner erneut zu kombinierenden paraphrasen. 1 mal 2 mal 3 mal 4 mal 5 mal 6 umstellungen das sind bereits 720 LTI-übertreibungen in einem mehrere seiten umfassenden manuskript.

in permutationen steckt oft ein übermut, der zu einer überforderung führt. denn wer kann schon einen sich selbst multiplizierenden text im grossen und ganzen überblicken, und wer will ihn eigentlich überblicken oder gar überprüfen. seine länge ist letztendlich wie Borges bibliothek in babel unbegrenzt. es gibt stets noch eine kombination, die kombination der schon aufgezeigten kombinationen untereinander, die einen text fortschreibt.

in der multiplen verknüpfung wachsen aus dem L (dem zum bild gewordenen rechten winkel), dem T (dem lot) und dem I (dem streckenmass) imaginäre architekturen mit komplexen strukturen. kommt es, wie bei alphabetischen zeichen üblich, zu einer aneinanderreihung, wird eine fläche konkretisiert. bei sich alternierend in alle richtungen verzweigenden fortsetzungen entstehen räumliche konstellationen und irgendwann auch mehrdimensionale hypertexte, die unsere wahrnehmung allmählich überfordern.

dabei ist alles ganz einfach durch analogien zu erklären. das wuchern der zeichen beginnt mit einem punkt, der über die verschiebung zur strecke, zum quadrat und zum würfel wächst. wird dieser dann an seinen acht eckpunkten erneut mit der tiefe eines viertes vektors versetzt, bildet sich ein 4dimensionaler cubus heraus: ein körper mit insgesamt 16 eckpunkten und vier gruppen von jeweils vier parallel zueinander stehenden kanten. höher dimensionierte beziehungen ergeben sich, wenn zwei 4dimensionale cuben an ihren eckpunkten zu einem 5d-hypercubus verbunden werden.

es spielt keine rolle, dass man einen hyperkörper nicht im originalzustand erfassen kann. es genügt, einzig die inneren relationen, die logistik seiner verknüpfung zu kennen. ein hyperwürfel konstruiert sich ohne die hierarchie eines ordnenden zentrums hochgradig symmetrisch. alle elemente sind miteinander verwoben und reproduzieren bereits im detail ihrer relationen die gesamte konfiguration.

im ersten moment widersprechen solche komplexen konstruktionen der alltäglichen erfahrung. sie in das reich von fiktionen d.h. in ein virtuelles nirgendwo zu verweisen, bleibt aber eine unakzeptable vereinfachung. handelt es sich doch bei diesen gebilden um phänomene, die als schatten in ihrer plastizität wahrnehmbar sind und damit in unsere zunehmend hyperglobale gegenwart als diloszierende räume zurückfallen.

die vorstellungskraft wird herausgefordert und in schwingungen gebracht, wenn zweidimensionale konstellationen in 4dimensionalen räumen aufeinander treffen. oder wenn 3dimensionale bindungen in einem 6achsigen koordinatensystem verbindungen eingehen. so wie vielleicht die rückkopplungen, die schleifen im bewusstsein den prozess der bewusstwerdung erst ermöglichen, damit das vorhandene in eine immer höhere ordnung aufgehe.

darüber hinaus ergeben sich mit solchen verschränkungen auch gebrochene dimensionen. die sich aus den zeichen L, T und I zusammensetzenden textstrukturen generieren dabei fraktale bilder, welche für die wahrnehmung nicht mehr aus einem einheitlichen koordinatensystem stammen und in ihrer mikrostruktur die potentiale eines globalen bildes selbstähnlich wiederholen. bildet sich solcherart über zeichen-setzungen ein netzwerk heraus, entstehen globale abhängigkeiten und ineinander verschränkte räume.

die fähigkeit zur steten wandlung, zur sequenz determiniert strukturen mit mehreren freiheitsgraden. wenn es in einem text anstatt der linearen anordnung stetige verzweigungen gibt, bilden sich bizarre konstellationen von netzwerken heraus. d.h.lese-wege mit labyrinthischen ausmassen, bei denen ein zeichen wie ein wegweiser vier richtungen vorschlägt, die zu zeichen führen, welche wiederum jeweils vier ziele anbieten. punktuelle veränderungen führen in diesem rahmen zu wechselseitigen modifikationen und zur neubildung von substrukturen. jeder textteil verhält sich zum ganzen wie das ganze zu einem geheimnis.

in der konsequenz wachsen aus solchen konstellationen komplexe wucherungen, in denen bereits der austausch von einem zeichen eine umstrukturierung im ganzen text verursachen kann. folgt z.b. einem L ein T statt einem I, kann dies für die textatur weitreichende folgen haben, da das system insgesamt zu neuen konfigurationen fähig ist. das potential aller möglichen zeichenrelationen in einem hyperdimensionalen LTI-text bleibt alles in allem eine herausforderung. es ist nicht möglich, den eigenen blick auf zentrale punkte zu fokussieren oder allgemein auf statische fundamente zu stellen. es konkretisiert a fortiori jede relativierung ein virulentes a priori.

für das entstehen der serie " lingua trium insignium" war es in erster linie wichtig, zeichen-arrangements und algorithmen zu finden, welche die wahlmöglichkeiten weiterer kompositionen erhöhen und somit nie ein einzelnes bild als eine ästhetische wahrheit postulieren.

frank richter, 1996/2000


Der Übermut von Texträumen


Ein vierdimensionaler Würfel besteht aus 32 Kanten, die in 16 Eckpunkten jeweils in vier rechten Winkeln zusammentreffen. Einen solchen Körper kann man nicht als eine reale Gegebenheit wahrnehmen, sondern sich nur als ein mathematisches Konstrukt vorstellen. Der Konzeptkünstler Frank Richter geht jedoch davon aus, dass unsere Alltagsvorstellungen zunehmend von hyperdimensionalen Räumen bestimmt werden. Handelt es sich für ihn doch bei diesem Phänomen um eine Gegebenheit, die unsere Orientierung in einer globalen Medienwelt zunehmend prägt.
Demgegenüber steht aber die Unfassbarkeit von Räumen, die über die Dimensionalität unseres Körpers hinausgehen. Denn es gibt den Hyperraum zunächst einmal nur als eine schematische Fortschreibung des dreidimensionalen Koordinatensystems. Diese Progression wird in frühen Arbeiten bei Frank Richter mit Zeichenrelationen konkretisiert. Mit seiner LTI-Sprache, der lingua trium insignium, die sich aus einfachen Elementen der Wahrnehmung (einem L als rechten Winkel, einem T als Lot und dem I als Streckenmass) aufbaut, wird die Eindimensionalität von Satzstrukturen aufgebrochen. D.h. die gewohnte Linearität eines Textflusses erweitert sich wie bei einem Rhizom durch alternierende Verzweigungen zu mehrdimensionalen Text-Räumen. Wahrnehmbar sind solche Konstellationen bei Frank Richter in Grafiken und Plastiken als Hyperwürfel, die sich -analog dem Schattenriss eines dreidimensionalen Körpers- als räumliche Projektionen darstellen.
In seinen am Computer entwickelten Kompositionen steckt ein Übermut, der die Wahrnehmung herausfordert und gleichzeitig überfordert. Multiple Verknüpfungen mit bis zu fünf Freiheitsgraden generieren labyrinthische Texturen. Ein Betrachter, der solche Komplexitäten nicht mehr im Detail nachvollziehen kann, wird unweigerlich dazu angeregt, über das Verhältnis von Vorstellungsvermögen, Abstraktion und sinnlicher Wahrnehmung nachzudenken.

Tobby Lang, 2007


Frank Richters Kunst: Hyperraum und Cyberspace


Jenseits der Gefälligkeiten und Verwirrungen postmoderner Sinnlichkeit scheint sich Frank Richter damit zu beschäftigen, der bildnerischen Dimension eine Konzeption oder eine Sprache geben zu wollen ...
Wenn wir uns die Bilder einmal genauer anschauen, sehen wir mit dem Computer hergestellte Darstellungen, die insgesamt darauf angelegt sind, über den Ansatz der Dreidimensionalität hinauszugelangen, um dadurch sogenannte Hyper-Räume entstehen zu lassen, die nach eigenem Bekunden des Künstlers der Alltagserfahrung zunächst widersprechen und damit in das Reich der Utopien zu verweisen wären, d.h. in das "Nirgendwo", das eine andere, virtuelle Wirklichkeit bezeichnet, die der faktischen Realität als Wunsch- oder als Schreckbild entgegengesetzt wird. Frank Richter ist jedoch der Überzeugung, dass es eine Rückkehr aus dieser Utopie in den Alltag geben kann, die schliesslich auf eine Bereicherung des menschlichen aisthesis und dadurch auf eine Befähigung "viele im alltag nicht mehr in einklang zu bringende phänomene über den hyperraum wieder zusammengehen" zu lassen ...
Über diese Bilder zu sprechen, heisst also nicht, über die Abbildung der äusseren Wirklichkeit, sondern über die innere Notwendigkeit des Dargestellten zu sprechen. Einen Zugang gewinnt man am besten, wenn man mit dem sehenden Auge die Darstellung gleichsam nachzuzeichnen beginnt ...

Dr. Hans Friesen, aus einer Rede zur Ausstellung "lingua trium insignium" 1996