Jenseits der Gefälligkeiten und Verwirrungen postmoderner
Sinnlichkeit scheint sich Frank Richter damit zu beschäftigen, der bildnerischen Dimension eine
Konzeption oder eine Sprache geben zu wollen ...
Wenn wir uns die Bilder einmal genauer anschauen, sehen wir mit dem Computer hergestellte
Darstellungen, die insgesamt darauf angelegt sind, über den Ansatz der Dreidimensionalität
hinauszugelangen, um dadurch sogenannte Hyper-Räume entstehen zu lassen, die nach eigenem
Bekunden des Künstlers der Alltagserfahrung zunächst widersprechen und damit in das Reich
der Utopien zu verweisen wären, d.h. in das "Nirgendwo", das eine andere, virtuelle Wirklichkeit
bezeichnet, die der faktischen Realität als Wunsch- oder als Schreckbild entgegengesetzt wird.
Frank Richter ist jedoch der Überzeugung, dass es eine Rückkehr aus dieser Utopie in den Alltag
geben kann, die schliesslich auf eine Bereicherung des menschlichen aisthesis und dadurch auf
eine Befähigung "viele im alltag nicht mehr in einklang zu bringende phänomene über den
hyperraum wieder zusammengehen" zu lassen ...
Über diese Bilder zu sprechen, heisst also nicht, über die Abbildung der
äusseren Wirklichkeit, sondern über die innere Notwendigkeit des Dargestellten zu sprechen.
Einen Zugang gewinnt man am besten, wenn man mit dem sehenden Auge die Darstellung
gleichsam nachzuzeichnen beginnt ...
Dr. Hans Friesen, aus einer Rede zur Ausstellung "lingua trium insignium" 1996
Der Konzeptkünstler Frank Richter
geht jedoch davon aus, dass unsere Alltagsvorstellungen zunehmend von hyperdimensionalen Räumen
bestimmt werden. Handelt es sich für ihn doch bei diesem Phänomen um eine Gegebenheit, die unsere
Orientierung in einer globalen Medienwelt zunehmend prägt.
Demgegenüber steht aber die Unfassbarkeit von Räumen, die über die Dimensionalität unseres
Körpers hinausgehen. Denn es gibt den Hyperraum zunächst einmal nur als eine schematische
Fortschreibung des dreidimensionalen Koordinatensystems. Diese Progression wird in frühen Arbeiten
bei Frank Richter mit Zeichenrelationen konkretisiert. Mit seiner LTI-Sprache, der lingua trium insignium,
die sich aus einfachen Elementen der Wahrnehmung (einem L als rechten Winkel, einem T als Lot und dem
I als Streckenmass) aufbaut, wird die Eindimensionalität von Satzstrukturen aufgebrochen. D.h. die
gewohnte Linearität eines Textflusses erweitert sich wie bei einem Rhizom durch alternierende
Verzweigungen zu mehrdimensionalen Text-Räumen. Wahrnehmbar sind solche Konstellationen bei Frank Richter
in Grafiken und Plastiken als Hyperwürfel, die sich -analog dem Schattenriss eines dreidimensionalen
Körpers- als räumliche Projektionen darstellen.
Tobby Lang, aus "Der Übermut von Texträumen" in Kunstforum-online - 29. Sep. 2007
Es sind auf den ersten Blick alles Würfel. Doch das Auge muss nach einer Form suchen. Schwarzweisse
Streben sind zu einer komplexen Struktur verlötet. Das Faszinierende an "lingua trium insignium",
wie die Exposition heisst: Sämtliche Körper setzen sich nur aus drei Elementen zusammen, einem L-,
einem I- und einem T-Profil. Diese wenigen Formen kombinierte der Konzept- Künstler zu seinen
räumlichen Modellen. Deren Netz aus schwarzen und weissen Stäben wirkt wie ein statisches
Modell moderner Architektur. Taucht der Betrachter mit den Blicken in das Geflecht ein, entdeckt
er unzählige Formen. Es ist der Hyperraum, die vierte, fünfte, sechste und sogar
siebente Dimension ...
"Freie Presse" 11./12.Mai 1996
Leider wirkt dies alles so unklar wie zuweilen arg bemüht ... Kunst kann man nicht konstruieren,
und Bedeutsames muss sich nicht zwangsläufig vor dem Leben verkleiden ...
Klaus Trende, "Lausitzer Rundschau" 17.09.1996
160 m daumenstarkes farbiges Hanfseil verwendete der Künstler Frank Richter für seine
Rauminstallation "loci constituti" in der Justizvollzugsanstalt Frankfurt/O. Unter Mitwirkung der
Gefangenen entstand auf würfelförmig gekipptem Grundriss eine "fünfdimensionale Plastik" mit den
Seilen als Markierung der Kanten, die sich von der Decke bis zum Boden erstrecken. Damit sollte
auf die "Kluft zwischen dem (ab)geschlossenen Gefängnisraum und dem offenen Raum des
gesellschaftlichen Lebens" verwiesen werden ...
KUNSTFORUM Bd. 134 - September 1996
Many artists are eager to create works that in some way evoke the notion of the virtual. Several web/net.art
works are created specifically in order to be viewed via a technological interface which is itself "virtual"
by its remote viewing process, whilst others actually mimic the 3dimensional via programmatic lures such as
employing VRML, the Virtual Reality Modeling Language. The initialization of the work Hyperspace by Frichter
utilizes the former [a space that invokes the virtual] whilst creating a work that could easily be translated
via the latter [VRML] but doesn’t. The very fact that the introduction to this work is an extreme
minimal version of a potential 3D rendering gives it a powerful stylistic density.
Hyperspace is a fragment of a larger project by Frichter called "4dimensional art". The project taken in total
is designed to question how spatial information/projection is read and absorbed. The project is a fragmented
mélange of text, minimal images, java and html. It is precisely this treatment of technological condensing/web-byte
execution that captured my interest ...
Mary-Anne Breeze, in review 2000
Frank Richters i concrete myself... bildet eine Reise in die eigene Imagination ab,
in der "Selbst-Relativierung" aus Foto- Fragmenten mit Fragen nach der Vorstellungskraft
des Rezipienten kurzgeschlossen wird ...
Stefan Wisiorek, "Visualität im Kontext fiktionaler Hypertextformationen" - Uni Regensburg, 2001
Und vielleicht ist das, was Richter macht, ungefähr das, was, könnte sie programmieren, Cindy Shermann im digitalen
Medium machen würde.
Roberto Simanowski, "Fotofragmente", www.dichtung-digital.com
2001
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